KI-Agenten mit eigener Identität: Was Entra Agent ID verändert
Mit Microsoft Entra Agent ID erhalten KI-Agenten eine eigene Identität im Verzeichnis. Der Beitrag zeigt, wie Sponsoren, befristete Zugriffspakete und bedingter Zugriff zusammenspielen und welche Lizenzfragen Sie vor dem Start klären sollten.
Fachlich geprüft: 29.10.2026
Wenn KI-Agenten auf Unternehmensdaten zugreifen, reicht ein technisches App-Konto allein nicht mehr aus. Mit Microsoft Entra Agent ID gibt es seit April 2026 einen eigenen Identitätstyp für Agenten. Für IT-Leitung und Administration verschiebt sich damit die Frage von „Welche App hat welche Berechtigung?“ zu „Welcher Agent handelt gerade, für wen und mit welchem Recht?“.
Die Antwort darauf liegt in vier Bausteinen: einem eigenen Objekttyp im Verzeichnis, einer verantwortlichen Person je Agent, befristeten Zugriffen und Richtlinien für bedingten Zugriff, die zum Zugriffsmuster passen. Hinzu kommen Lizenzfragen, die Sie vor dem Start klären sollten.
Agent ID: ein eigener Identitätstyp statt eines weiteren App-Kontos
Microsoft beschreibt Entra Agent ID als Identitäts- und Sicherheitsrahmen, der bestehende Entra-Funktionen auf KI-Agenten ausweitet. Seit April 2026 ist die Plattform allgemein verfügbar; so führt es Microsofts Übersicht „Microsoft Entra Veröffentlichungen und Ankündigungen“.
Der Kern sind neue Objekttypen im Verzeichnis: der Agent Identity Blueprint als Vorlage, der Blueprint Principal für mandantenübergreifende Agenten, die eigentliche Agentenidentität und optional ein Agent-Benutzerkonto. Aus einem Blueprint lassen sich viele Agentenidentitäten ableiten. Richtlinien, die Sie auf Blueprint-Ebene setzen, gelten damit einheitlich für alle daraus erzeugten Agenten.
Agentenidentitäten sind bewusst etwas anderes als klassische Dienstprinzipale (Service Principals). Anwendungsidentitäten sind auf Langlebigkeit und feste Zuständigkeit ausgelegt. Agenten entstehen dagegen oft automatisiert, etwa beim Anlegen in Copilot Studio, und existieren teils nur für Minuten. Agent ID ist darauf ausgelegt, solche Identitäten in großer Zahl anzulegen und wieder zu entfernen, ohne verwaiste Anmeldeinformationen oder Berechtigungen zurückzulassen.
Mehrere Microsoft-Produkte nutzen Agentenidentitäten bereits. Die Entra-Dokumentation zu Agentenidentitäten beschreibt den Ablauf in Copilot Studio so: Ein neu erstellter Agent erhält eine Agentenidentität im Mandanten, und die erstellende Person wird als Sponsor eingetragen. Auch Microsoft Foundry, Azure App Service und Azure Functions sowie das Teams-Entwicklerportal sind angebunden. Agenten anderer Plattformen lassen sich über ein Software-Entwicklungspaket (SDK) oder über Workload Identity Federation einbinden, bei der sich ein externer Dienst ohne gespeichertes Geheimnis bei Entra anmeldet.
Sponsoren: die verantwortliche Person hinter dem Agenten
Agentenidentitäten nutzen keine Passwörter und keine Mehrfaktor-Anmeldung. Verantwortung entsteht deshalb über eine zugeordnete Person. Microsoft nennt sie Sponsor: ein menschlicher Benutzer, der über Lebenszyklus und Zugriffe des Agenten entscheidet.
Im Portal „Mein Konto“ können Sponsoren und Besitzer einen Agenten aktivieren oder deaktivieren und Informationen zu Zugriff, Aktivität und Lebenszyklus einsehen. Im Portal „Mein Zugriff“ beantragen sie Zugriffspakete im Namen des Agenten.
Für Personalwechsel hat Microsoft im Juni 2026 eine Funktion allgemein verfügbar gemacht: Verlässt ein Sponsor das Unternehmen, geht die Sponsorschaft automatisch auf seine Führungskraft über. Lebenszyklus-Workflows (Lifecycle Workflows) informieren Co-Sponsoren und Führungskräfte vorab über anstehende Änderungen. Damit bleibt jeder Agent einer Person zugeordnet, auch wenn sich das Team verändert.
Der Austrittsprozess für Mitarbeitende betrifft damit künftig auch die Agenten, die diese Person verantwortet hat. Wer Lebenszyklus-Workflows bereits für Austritte nutzt, kann die Sponsor-Aufgaben dort ergänzen.
Zugriffe zeitlich begrenzen statt dauerhaft vergeben
Nach dem Anlegen hat eine Agentenidentität nur eingeschränkte Rechte, etwa delegierte Berechtigungen aus ihrem Blueprint. Weitere Rechte lassen sich über Zugriffspakete der Berechtigungsverwaltung (Entitlement Management) zuweisen. Infrage kommen dafür Mitgliedschaften in Sicherheitsgruppen, API-Berechtigungen für Microsoft Graph und andere Anwendungen sowie Entra-Rollen.
Für die Anforderung gibt es drei Wege: Der Agent fordert ein Paket selbst programmgesteuert an, der Sponsor stellt den Antrag für ihn, oder eine Administratorin weist es direkt zu. Anträge laufen dann über die im Paket hinterlegten Genehmigenden.
Der Vorteil liegt im Ablaufdatum. Hat eine Zuweisung ein Enddatum, erhält der Sponsor vor Ablauf eine Benachrichtigung. Er kann eine Verlängerung beantragen, sofern die Richtlinie das erlaubt, und löst damit gegebenenfalls eine neue Genehmigung aus. Reagiert er nicht, läuft die Zuweisung aus und der Agent verliert den Zugriff. Rechte, die niemand mehr braucht, verschwinden so ohne manuelles Aufräumen.
Die Lizenzübersicht zu Microsoft Entra ID Governance führt für Agenten Funktionen der Berechtigungsverwaltung und der Lebenszyklus-Workflows auf. Zugriffsüberprüfungen (Access Reviews) werden dort nicht eigens für Agentenidentitäten beschrieben. Für die regelmäßige Kontrolle von Agentenrechten ist das Ablaufdatum im Zugriffspaket deshalb das Werkzeug, das die Dokumentation ausdrücklich vorsieht.
Ein hypothetisches Beispiel: Ein Agent soll für drei Monate Rechnungsdaten aus einer SharePoint-Bibliothek zusammenfassen. Statt ihm dauerhaft Leserechte zu geben, erhält er ein Zugriffspaket mit 90 Tagen Laufzeit. Nach Ablauf entscheidet der Sponsor, ob der Zugriff weiter nötig ist.
Bedingter Zugriff für Agenten: auf das Zugriffsmuster kommt es an
Bedingter Zugriff (Conditional Access) wertet Bedingungen aus, bevor Entra ID ein Zugriffstoken ausstellt oder erneuert. Das gilt auch für Agenten. Microsoft unterscheidet drei Zugriffsmuster, und jedes braucht ein anderes Richtlinienziel:
- Der Agent handelt im Namen einer angemeldeten Person (On-behalf-of, delegierter Zugriff). Das Token gehört der Person, also greifen die Richtlinien für Benutzer und Gruppen.
- Der Agent handelt mit eigener Identität ohne angemeldete Person (App-only). Hier zielt die Richtlinie auf die Agentenidentität oder den Blueprint.
- Der Agent handelt über ein eigenes Agent-Benutzerkonto, etwa mit Postfach und Kalender. Dann wird gegen dieses Benutzerkonto ausgewertet.
Die Übersicht zu bedingtem Zugriff für Agenten stellt klar: Eine Richtlinie für die Agentenidentität gilt nicht für das Agent-Benutzerkonto und umgekehrt. Nutzt ein Agent mehrere Muster, brauchen Sie getrennte Richtlinien. Auch delegierte Zugriffe deckt eine Richtlinie auf die Agentenidentität nicht ab.
Zurück zum Rechnungsagenten: Liest er die SharePoint-Bibliothek ohne angemeldete Person, greift nur eine Richtlinie, die auf seine Agentenidentität oder seinen Blueprint zielt.
Bei Agent-Benutzerkonten lohnt ein zweiter Blick. Die Auswahl von Agent-Benutzern als Richtlinienziel ist bei Microsoft als Vorschau gekennzeichnet, ebenso die Bedingung „Agent risk“ für riskante Agenten. Richtlinien, die auf alle Benutzer zielen, schließen Agent-Benutzerkonten nicht ein. Testen Sie solche Richtlinien deshalb zunächst im Modus „Nur Bericht“, bevor Sie sie aktivieren.
Lizenzen und Agent 365: erst klären, dann ausrollen
Die Plattform selbst steht allen Entra-Kunden zur Verfügung. Die Sicherheits- und Governance-Funktionen für Agenten setzen dagegen Microsoft Agent 365 voraus. Agent 365 ist seit dem 1. Mai 2026 für den kommerziellen Bereich allgemein verfügbar und wird pro Benutzer lizenziert. Microsoft 365 E7 enthält Agent 365. Als Zusatzlizenz setzt Agent 365 im Mandanten ein Produkt mit Entra ID P1 voraus, etwa Microsoft Entra ID P1 oder Microsoft 365 E3. Welche Kombination für Ihren Mandanten passt, klären Sie am besten anhand der aktuellen Lizenzübersicht von Microsoft, da Microsoft die Pakete fortlaufend anpasst.
Auch die Verwaltungsoberfläche hat sich verschoben. Die Bereiche „Agent registry“ und „Agent collections“ im Microsoft Entra Admin Center hat Microsoft zum 1. Mai 2026 eingestellt. Die vollständige Agentenübersicht liegt jetzt in Agent 365; im englischen Microsoft 365 Admin Center heißt der Bereich „All agents“. Das Entra Admin Center zeigt weiterhin die Agenten mit Entra-Agentenidentität. Dort verwalten Sie Identitäten, Blueprints und Berechtigungen und wenden bedingten Zugriff sowie Governance-Funktionen an.
MK-Contrain-Praxistipp
Bevor Sie Richtlinien bauen, verschaffen Sie sich einen Überblick über den Bestand:
- Welche Agenten gibt es bereits im Mandanten? Die Übersicht finden Sie im Microsoft 365 Admin Center, im englischen Admin Center unter „All agents“.
- Handelt jeder davon delegiert, App-only oder über ein Agent-Benutzerkonto?
- Wer ist Sponsor, und was passiert, wenn diese Person das Unternehmen verlässt?
- Welche Rechte hat der Agent dauerhaft, die über ein Zugriffspaket mit Enddatum laufen könnten?
Nehmen Sie dafür einen bestehenden Agenten, etwa einen aus Copilot Studio, als ersten Prüffall.
Was sich für die IT-Organisation ändert
Agent ID verlagert KI-Agenten in dieselben Werkzeuge, die Administratoren aus der Benutzerverwaltung kennen: Lebenszyklus, Zugriffspakete, bedingter Zugriff, Anmelde- und Überwachungsprotokolle. Die Frage vom Anfang, welcher Agent für wen und mit welchem Recht handelt, lässt sich damit beantworten, sobald jeder Agent einen Sponsor, ein Zugriffsmuster und befristete Rechte hat. Der eigentliche Aufwand liegt darin, diese Zuordnung so konsequent zu pflegen wie bei Mitarbeitenden und die Lizenzen dazu passend zu planen.
Für die Planung im Admin-Team können Sie die nötigen Kenntnisse zu Entra ID und Identitätsverwaltung mit den IT-Trainings für IT-Professionals abgleichen.
Quellen
- Microsoft Learn: Was ist die Microsoft Entra Agent-ID?
- Microsoft Learn: Was sind Agentidentitäten?
- Microsoft Learn: Microsoft Entra Veröffentlichungen und Ankündigungen
- Microsoft Learn: Verwalten von Agentidentitäten (Microsoft Entra ID Governance)
- Microsoft Learn: Lizenzgrundlagen für Microsoft Entra ID Governance
- Microsoft Learn: Worum handelt es sich bei Zugriffsüberprüfungen?
- Microsoft Learn: Bedingter Zugriff für Agents in Microsoft Entra
- Microsoft Learn: Microsoft Agent 365-Übersicht
Redaktionell verantwortlich: Marcel Klemet · MK-Contrain
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